Sind Einfamilienhäuser ein überholtes Modell?

Sind Einfamilienhäuser ein überholtes Modell?

Seit einiger Zeit geistert das Gespenst vom Verbot des Baus von Einfamilienhäusern durch die Gazetten. Grund dafür ist ein Vorstoß in Hamburg, welcher vom Bezirksamtschef Nord nun umgesetzt wird: Neu aufzustellende Bebauungspläne werden keine Einfamilienhausgrundstücke mehr vorsehen.

Der Hintergrund

Hamburg ist ein Ballungszentrum und Wohnraum ist knapp – sehr knapp. Um den Bedarf an (überdies bezahlbarem) Wohnraum gerecht zu werden, muss auf möglichst wenig Grundstücksfläche möglichst viel Wohnraum geschaffen werden. Aus diesem Grunde hat der Senat diese Entscheidung getroffen. Und sie ist auch nachvollziehbar, wenn ich die Bürgerinnen und Bürger in meiner Metropole halten will.

Ein Modell für die Zukunft?

Ich selbst bin in einer Einfamilienhaussiedlung aufgewachsen. Nach Schule und Erledigung der Hausaufgaben fand ich mich gemeinsam mit meinen Freunden irgendwo in der Gegend. Mit Fahrrädern erkundeten wir unser Umfeld, wir trafen uns mit Freunden – und wiederum deren Freunden. Also schlossen wir neue Freundschaften. Wir lernten neue Spiele und vor allem den Umgang mit uns unbekannten Menschen. Unsere Siedlung regulierte sich selbst. Wir wussten ganz genau, vor welchem Haus wir ungestört spielen konnten – und wo es vielleicht nicht angebracht war. Wir wussten, hinter welchem Zaun ein Hund lauerte und welcher Freund ab wann Zeit zum Spielen hatte. Wenn wir wirklich einmal über die Stränge schlugen, dann klingelte es halt Abends auch einmal an unserer Haustür und es gab ein kurzes Gespräch unter Erwachsenen. Diese Vorgänge lassen sich einfach unter dem Begriff „Sozialisation“ zusammenfassen.

Dieser Idylle steht das andere Extrem gegenüber: Riesige Hochhäuser, bei denen sich selbst die Nachbarn nicht mehr kennen und Vandalismus an der Tagesordnung ist. Auch im Rahmen der Diskussion um die Hamburger Entscheidung fielen Begriffe wie „Berlin Marzahn“. Doch nicht nur in der damaligen DDR waren diese – oftmals despektierlich „Arbeiterschließfächer“ genannten Geschosswohnungsmodelle üblich. Bausünden diese Art findet man heute über die gesamte Republik verteilt. Und die Entwicklung zeigt sehr eindeutig: Mit verdichteter Bauweise alleine ist es nicht getan. Wenn wir Auswüchse verhindern wollen, benötigen wir Zentren, die soziale Interaktion ermöglichen. Versuche diese Art gibt es bereits. Einige funktionieren, andere nicht. Doch eine Erkenntnis haben diese Modelle gemeinsam: Für eine solche Wohnform bedarf es auch der „passenden“ Bewohner. Ideologisch motiviertes Verhalten alleine reicht hier nicht.

Nicht ganz Deutschland ist Ballungszentrum

Es gibt noch genügend Gemeinden in Deutschland, in denen Platz genug ist für ein schönes Einfamilienhaus nebst Grundstück. Grundstücke, auf denen man sich mit seinen Freunden im Sommer zum Grillen trifft, feiert oder sich einfach entspannt. Gärten, in denen Schaukel und Sandkasten das Erscheinungsbild prägen und wo Nachbarskinder sich wie selbstverständlich mit den eigenen Kindern anfreunden und mit ihnen spielen. Aus diesen kleinen Kindern werden dann Schulkinder, Freundschaften entwickeln sich. In diesen Ortschaften funktioniert übrigens auch die Nachbarschaftshilfe noch. Da werden auch die Nachbarschaftskinder mitgenommen, wenn das eigene Kind zum Fußball oder Tennis gebracht wird. Und gerade in der aktuellen Infektionssituation zeigen die eigenen 4 Wände mit Garten sehr deutlich, welche Vorteile diese Wohnform gegenüber anderen bietet.

Die Herausforderungen liegen in einem anderen Bereich

Vor vielen Jahrzehnten hat die Erosion des öffentlichen Personennahverkehrs begonnen. So waren immer mehr Familien „vom Land“ gezwungen, mit dem Auto in die Stadt (z. B. zur Arbeitsstelle) zu fahren. Genau diese Entwicklung ist verantwortlich für die heute wahrnehmbare Situation in den Ballungszentren mit Luftverschmutzung, Lärm und Staus. Wenn ich also eine Entzerrung wünsche, dann helfen Verbote herzlich wenig. Dann benötigen wir ein ganzheitliches Verkehrskonzept, welches auch den Familien auf dem Lande mittels getaktetem öPNV einen schnellen und unkomplizierten Zugang zum Arbeitsplatz ermöglicht.

Verbote nützen nichts

Wenn nun – aus auf den ersten Blick nachvollziehbaren Gründen – keine Einfamilienhäuser mehr in Hamburg gebaut werden können, so wird dies nicht dazu führen, dass man dann halt in eine Etagenwohnung ziehen wird. Vielmehr wird die Flucht aus der Stadt verstärkt werden – und damit auch die Verkehrsproblematik. Aber überholt ist das Modell Einfamilienhaus definitiv nicht. Auch die Behauptung der Ressourcen- und Energieverbrauch sei zu groß, greift nicht. Moderne Einfamilienhäuser in energieeffizienter Fertigbauweise sind bereits heute hoch energieeffizient und auf dem besten Wege dazu, autark zu werden.

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